Mit Hindernissen zum Ziel : Die Entstehung des Elbe-Stadion
Eine Dokumentation von Stadtarchivarin Anke Rannegger.
Zahlreiche Hindernisse gab es zu überwinden, bis das heutige Elbe-Stadion vor 50 Jahren seine Einweihung feiern konnte. Tausende von Arbeitsstunden von fleißigen Vereinsmitgliedern des TSV und von Jugendlichen des Jugendaufbauwerkes waren nötig, um in der schweren Nachkriegszeit diese schöne Sportstätte zu schaffen. Lesen Sie nun, wie es dazu kam.
Eine neue Sportstätte mußte her
Gleich ein Jahr nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges, Mitte 1946, wurde deutlich, dass die Wedeler Sportflächen nicht ausreichten. Die bislang vorhandenen Sporthallen in der Bergstraße und am Rosengarten konnten nicht genutzt werden, das sie zum Teil durch Bombenabwürfe beschädigt oder infolge des Krieges anderweitig genutzt wurden. Mit den Sportplätzen sah es ähnlich aus. Auf dem Sportplatz Rosengarten standen Baracken und der Sportplatz Bergstraße mußte erst wieder hergerichtet werden. Andere Sportplätze gab es zu der Zeit nicht.
Für den Neubau einer neuen Sportstätte zog der Sportausschuss der Stadt zunächst einen Platz an der Pöhlenweide, etwa dort wo heute die Ernst-Barlach-Schule steht, in Betracht. Dann aber fand sich das optimale Terrain. Bei einer Besichtigung des Geländes des früheren Bauvorhabens Wenzel am 28.06.1946 stellte der Sporausschuss fest, dass sich dieses Gelände für einen Sportplatz besonders gut eignete, da schon eine Einplanierung vorhanden war. Darüber hinaus lag das Areal, durch Böschungen gut geschützt in einer Senke.
Das Gelände
Entstanden war diese Senke, die zwischen der Schulauer Straße, der Bekstraße und der Höbüschentwiete liegt, durch Erdarbeiten, die durch die Deutsche Kriegsmarine in den Jahren 1943 bis 1945 ausgeführt wurden. Dort sollte eine verbunkerte U-Bootwerft erbaut werden. Aus diesem Grunde wurden Häuser und Straßen abgerissen und auf dem Gelände großräumig Erdbewegungen vorgenommen. Doch der Kriegsverlauf brachte die Arbeiten zum Erliegen und hinterlies Wedel eine zum Teil planierte Brachfläche.
Die Planung des Stadions
1947 begann das Stadtbauamt mit den bauvorbereitenden Maßnahmen. Es sollte ein Wettbewerb für die Gestaltung ausgeschrieben werden. Doch dazu ist es nicht gekommen, da es der Stadt an den nötigen Finanzmitteln mangelte. Zwei Jahre später, erklärte der Wedeler TSV sein Interesse an einem Sportplatzneubau auf Basis der Bauzeichnungen, die das Stadtbauamt zwischenzeitlich angefertigt hatte.
Aber auch dort beim TSV gab es Schwierigkeiten mit der Finanzierung des Projektes. Dennoch entschloss sich der Verein zu dem Bauprojekt und rief seine Mitglieder zum Neubau des Sportplatzes in Eigenarbeit auf. Er pachtete von der Stadt Wedel das Gelände und begann mit den Arbeiten.
Doch dem Vorstand wurde schnell klar, dass der Verein das Bauvorhaben nicht ganz alleine schaffen konnte. Mit Zuschüssen von Verbänden und mit städtischen Zuschüsse wurde dem Verein anfangs finanziell unter die Arme gegriffen.
Zunächst gingen auch die Arbeiten, unterstützt vom Jugendaufbauwerk (JAW), von dem später noch die Rede sein wird, voran. Der Vorstand des TSV plante sogar schon eine feierliche Einweihung seines Stadions am 16./17. Juni 1952.
Doch dann wurde im Jahr 1952 immer deutlicher, das dass hochgesteckte Ziel leider doch nicht erreicht werden konnte. Eindringlich ermahnte der TSV-Vorstand im Juni 1952 seine Mitglieder noch einmal um einen ernsthaften Arbeitseinsatz. Es sei beschämend, so der Vorsitzende H. Jens in einer außerordentlichen Mitgliederversammlung, dass insbesondere die jungen Sportler nur unverhältnismäßig wenig ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellten. Daher müsse der Arbeitseinsatz nun zur Pflicht für die Angehörigen der Abteilungen Fußball, Handball, Turnen, Faustball und Leichtathletik werden. Eine Anzahl von monatlich 30 Arbeitsstunden wurde erwartet. Viele eifrige Sportler folgten dem Aufruf und waren mit größtem Einsatz dabei.
Aber es half nichts; im November 1952 stand fest, dass der TSV auch mit der Unterstützung des JAW bis zum darauffolgenden Jahr nicht in der Lage sein würde, den Platz spielfähig auszubauen. In der Sitzung am 06.11.1952 beschloss die Stadtvertretung, das Bauvorhaben "Sportplatz Bekstraße" durch das Stadtbauamt zu beenden.
Die verbindliche Regelung der Übernahme wurde vertraglich zwischen der Stadt Wedel und dem Wedeler TSV festgelegt. Die bis dahin vom TSV eingebrachten Vereinsmittel wurden von der Stadt Wedel erstattet. Zugleich regelt der Vertrag die Nutzungsbedingungen des Stadions für den TSV.
Das Jugendaufbauwerk : Gemeinnützige Arbeiten für die arbeitslose Jugend
Geboren aus der Not der Nachkriegszeit ist in den Jahren nach 1948 das Jugendaufbauwerk (JAW) Schleswig-Holstein gegründet worden. Ursächlicher Grund war die hohe Anzahl von schulentlassenen Jugendlichen, die keine Ausbildungsplätze erhalten hatten. Sie galten als potentiell gefährdet, in der Gesellschaft "unter die Räder zu kommen".
Für diese Jugendlichen wurde mit dem JAW die Möglichkeit geschaffen, eine berufliche und eine schulische Ausbildung zu erhalten. Diese Jugendlichen wurden in Gemeinschaften mit rund 30 Personen und einem Heimleiter zusammengefasst. Hier wurden sie werktäglich rund drei Stunden mit berufsfördernden Maßnahmen und Schulunterricht beschäftigt und arbeiteten etwa fünf Stunden an gemeinnütziger Arbeit.
Insgesamt gab es 1950 138 Jugendaufbauwerke in Schleswig-Holstein. Davon waren 44 Heime mit Übernachtungs-
möglichkeiten. Die anderen JAW waren Tagesheime, die die Heranwachsenden werktags besuchten. Insgesammt wurden so 4.964 Jugendliche betreut. 66% dieser Jugendlichen waren Flüchtlinge aus dem Osten. Ein hoher Prozentsatz waren Voll- oder Halbwaisen. Insgesamt gab es mehr Einrichtung für Jungen als für Mädchen.
Ein Jugendaufbauwerk für Wedel
In Wedel kam der Stadtdirektor Gau im November 1949 auf die Idee, auch hier ein Jugendaufbauwerk für Jungen einzurichten. Als gemeinnützige Arbeit für die Jugendlichen bot sich die Mithilfe bei der Arbeit für den neuen Sportplatz an. An arbeitsuchenden Jugendlichen in Wedel mangelte es nicht. Dennoch kamen die Arbeiten für den Sportplatzneubau erst zögerlich in Gange, da sich zunächst nur wenig Jugendliche für das JAW meldeten. Zu tief saß die Angst der Eltern, dass das Jugendaufbauwerk nichts anderes sein könne als ein verkappter Reichs-Arbeitsdienst des grade überstandenen Dritten Reiches.
Doch im Februar 1950 war es endlich soweit. 28 Jugendliche begannen unter der Heimleitung von Hans Brockmann mit der Arbeit. Untergebracht wurden die Jungen zunächst in einer Baracke im "Lager Rosengarten. Hier wurden auch die Mahlzeiten für die Jugendlichen in der Gemeinschaftsküche zubereitet.
Zu den Lehrinhalten des JAW schrieb der Heimleiter im Juni 1950, dass er insbesondere der musischen Erziehung der Jugendlichen breiten Raum bieten würde. So würde im Unterricht viel gelesen, gesungen und gewardt. Darüber hinaus besuchten die Heranwachsenden regelmäßig Vorlesungen und das Kino. Im übrigen, so schrieb er, fand der Berufsschulunterricht anhand der praktischen Gebebenheiten statt. Im Sommer wurde im Strandbad regelmäßig Schwimmunterricht erteilt.
Im September 1950 sank die Zahl der Jugendlichen bis auf 14 Personen. Da aber der Betrieb nur mit einer größeren Anzahl von Jugendlichen rentabel war, wandelte die Stadt Wedel die offene Einrichtung in einen geschlossen Heimbetrieb um. Die Unterbringung erfolgte gemeinsam mit dem JAW Hetlingen in einem alten Bauernhaus in Hetlingen. Durch diese Form von Heimbetrieb, der einem Internat glich, konnten auch Jugendliche aus umliegenden Orten aufgenommen werden. Somit stieg die Anzahl wieder auf über 20 junge Menschen an. Die Jungen wurden werktäglich von Hetlingen zur Baustelle nach Wedel gebracht. 1951 wurde der bisherige Leiter Brockmann von Horst Plümke abgelöst.
Die Arbeitsbedingungen der Jungen
Die Arbeit der Jungen war hart und die Verhältnisse im Jungenheim Hetlingen waren nicht zufriedenstellend. In einem Bericht vom November 1951 wurde beschrieben, dass die Verpflegung unzureichend war. Auch wurde beanstandet, dass der Schlafraum viel zu niedrig und stark überbelegt sei. Mangelndes Licht und kaum Schrankplatz schufen sicherlich auch kein behagliches Wohnklima. Auch die hygienischen Verhältnisse wurden bemängelt. Die zwei Toiletten für die 50 dort untergebrachten Jugendlichen befanden sich in einem Nebengebäude, in dem es keine Beleuchtung gab. Daher waren sowohl die Toiletten als auch der Waschraum ständig verschmutzt.
Dies war sicherlich, ebenso wie die zeitaufwändigen Hin- und Herfahrten zur Arbeitsstelle der Grund, weshalb im April 1952 das Heim wieder nach Wedel verlegt wurde. Hier fungierte dann wieder eine Wirtschaftsbaracke im "Lager Rosengarten" als Unterbringung für die insgesamt 21 Jungen des Wedeler JAW.
Die Arbeit der Jungen für das Stadion waren schwer. Insgesamt wurde von ihnen im Jahr 1950 10.374 m² Boden planiert, 1.010 m Drainage verlegt und 5.593 m³ Boden bewegt. Im Winter bei Frost ruhte die Arbeit gänzlich. Im Februar 1951 fuhren alle Jungen zur Erholung und auf Grund von Brennstoffmangel in das Fünf-Städte-Heim nach Hörnum. Der Heimleiter berichtete davon, dass hier die Jungen durchschnittlich 3 Kilogramm an Körpergewicht zunahmen. Einige Jungen bekamen als Kurmaßnahme Höhensonne.
Im übrigen war die Bekleidung der Jungen nicht ausreichend. Sie bekamen zwar je ein Sommer- und ein Winterarbeitsanzug gestellt, aber die Versorgung mit Schuhwerk erwies sich als schwierig. Die Landesregierung wies ihnen zu Beginn der Arbeitsmaßnahme gebrauchte Schuhe und Strümpfe zu. Da aber die Jungen zum Teil keine eigenen Schuhe hatten, verschlissen die heimeigenen Schuhe sehr schnell und wurden irreparabel. Das galt ebenso für die Leibwäsche. Hier griff die Stadt Wedel ein und verschenkte zum Weihnachtsfest 1950 an alle Jungen Pakete mit Wäsche.
Wie die Arbeitsbedingungen der Jungen zwischen 14 und 21 Jahren beim Bau der später Elbe-Stadion genannten Sportstätte waren, beschreibt ein Journalist in den Norddeutschen Nachrichten mit dem Titel: "Ein Wunder, daß noch guter Wille vorhanden ist : Primitivste Methoden beim Stadionbau"
Die Anzahl der Jungen, die jeweils an dem Stadion mitarbeiteten, wechselte ständig, da viele von dort aus in Arbeits- oder Ausbildungsstätten vermittelt wurden. Die monatliche Statistik führte die Abgänger und ihre weiteren Planungen auf. Danach gingen einige zur See, einer ging in die Tischlerlehre, mancher wurden Landarbeiter oder auch Hütejunge im Allgäu.
Die Schließung des Jungenheimes des JAW wurde zum 31.12.1953 vom Ministerium verfügt. 16 Jungen waren zu diesem Zeitpunkt noch im Wedeler Heim untergebracht.
Die feierliche Einweihung des Elbe-Stadion
Am 29. und 30. August 1953 wurde die Sportstätte der Wedeler Bevölkerung mit einer zweitägigen Sportveranstaltung vorgestellt. Der Name für das Stadion stand schon lange fest. Bereits ein Jahr zuvor hatte der Vorstand des TSV der Baustelle den Namen Elbe-Stadion gegeben. Dieser Name wurde nun offiziell von der Stadtvertretung vergeben.
Die Ausrichtung der Einweihungsfeier lag in den Händen des Wedeler TSV. Neben den sportlichen Wettkämpfen und Veranstaltungen wie "Tummelturnen" und Massenfreiübungen waren diese Tage dem Zeitgeschmack entsprechend angefüllt mit pathetischen Singspielen, Chören und Kapellen. Dem interessierten Leser sind die überieferten Programmabläufe und Liedertexte in der Anlage aufgeführt.
Ausstattung und Nutzung
Der erste städtische Kostenvoranschlag für die Anlegung des Platzes belief sich auf 237.200,- RM. Vorgesehen waren folgende Anlagen:
- Ein Rasen-Fußballfeld 70 x 105 m
- 400 m – Laufbahn als Aschegrundbahn
- 110 m Laufbahn
- 110 m Hürdenlaufbahn
- 2 Hochsprunggruben
- 2 Weitsprunggruben
- 1 Übungsplatz für Wurfübungen
- Sitz- und Stehplätze für Zuschauer
- Umkleideräume Waschräume
- Aufenthaltsräume
- Abstellraum
Zur Einweihung des Elbe-Stadions waren die Rasenfläche als Fußballplatz und die Laufbahn bereits fertiggestellt und konnten in Benutzung genommen werden. Die an den Enden des Platzes vorgesehenen Flächen für Weitsprung u.a. waren noch nicht fertig. Diese wurden in einem späteren Bauabschnitt errichtet.
Die Nutzung des Elbe-Stadion regelte die Benutzungsordnung. Hiernach dient das Stadion der Stadt, Vereinen und Vereinigungen für sportliche, kulturelle und jugendfördernde Veranstaltungen. Die Stadt Wedel unterhält das Gelände und übt auch das Hausrecht durch einen Platzwart aus.
Die bauliche Ausstattung des Elbe-Stadions veränderte sich, bedingt durch Verschleiß, Neubauten und veränderte Anforderungen, in den vergangenen Jahren häufig.
Auch die Laufbahn hat viele Veränderungen erfahren. Bestand sie zunächst nur aus einem einfachen Schlacke-Sand-Gemisch ohne Unterbau, so wurde 1958 eine Versuchslaufbahn für die 100-Meter-Strecke ausgebaut, die mit Spikes zu belaufen war. Die restlichen 300 Meter waren durch den fehlenden Unterbau natürlich weicher. Diese Aschenbahn ist 1968 durch eine Kunststoff-Leichtathletik-Anlage ersetzt worden. Sie war zu dem Zeitpunkt ihrer Inbetriebnahme die erste dieser Art im Großraum Hamburg und fand daher viel Beachtung. Die erste Beleuchtung der Laufbahn wurde 1972 installiert und einige Zeit später gab es sogar einen transportablen Lautsprecher für Durchsagen.
Vier Jahre später richtete die Sturmflut im Januar 1976 im Stadion erhebliche Schäden an. Schwer betroffen war insbesondere die Laufbahn, die durch das Hochwasser total verschlickte, hochkam und anschließend teilweise absackte. Mit der enormen Summe von rund 200.000 DM wurde sie nach dem Hochwasser neu beschichtet.
Da das Stadion zeitweilig das einzige Rasenspielfeld Wedels war, wurde das Spielfeld von Anbeginn an für den Liga-Punktspielbetrieb des TSV genutzt. Um aber den Rasen zu schonen, konnten hier nur wenige Spieltage stattfinden. Neben dem TSV nutzten später auch andere Vereine, z. B. der FC Roland die Sportstätte. Dem FC Roland wurde 1961 erstmalig die Möglichkeit eingeräumt, seine Punktspiele hier abzuhalten.
Eifrig genutzt wurde das Stadion von Anfang an auch für den Schulsport. Bereits am Vormittag der Eröffnungsfeier haben hier die Schulkinder der Jahrgänge 1943 bis 1936 die gemeinsamen Bundesjugendwettspiele bestritten. Neben den Bundesjugendspielen fanden auch regelmäßigen Bezirkssportfeste und der reguläre Schulsportbetrieb statt.
Dass es in den vergangenen 50 Jahren neben der Laufbahn im Elbe-Stadion auch Anlagen für weitere Sportarten gab, versteht sich von selbst. Über die Sprunganlagen für Weitsprung, Hochsprung und Stabhochsprung hinaus, konnten auch Diskuswurf und Kugelstoßen trainiert werden. Sogar eine Anlage für den Hindernislauf wurde geschaffen und ist heute noch vorhanden.
In dieser schönen Sportstätte, die sich Wedeler Geestrand befindet, legten viele Leichtathleten die Grundlage für ihre Erfolge. Doch freuen sich nicht nur die Sportler, die hier für Meisterschaften und Olympiaden trainierten, sondern auch alle Wedeler, die hier an Bundesjugendspielen teilnahmen über den Geburtstag unseres schönen Elbe-Stadion.